02. Июнь 2006
„In memory of the children of Europe who have to die of cold and hunger this Xmas“, schreibt der nach London emigrierte österreichische Maler Oskar Kokoschka im Winter 1945 auf den Entwurf zu einem Plakat. Auf eigene Kosten lässt er 5000 Stück drucken und in U-Bahn-Stationen affichieren.
Im Spätherbst 1988 montiert der ins Rheinland emigrierte österreichische Maler Gottfried Helnwein entlang einer 100 Meter langen Wand zwischen Kölner Dom und Museum Ludwig eine Reihe von vier Meter hohen Fotodrucken mit Kindergesichtern. Er nennt die Arbeit „Selektion (Neunter November Nacht)“. Es ist ein Werk von monströser Aussage und schmerzhafter Wirkung. Sein Titel ruft den Jahrestag der sogenannten Reichskristallnacht in Erinnerung, durch ihn gibt Helnwein den Kinderporträts ihren beinahe überwältigend erschütternden Effekt.
Während wir mit Gottfried Helnwein seine Ausstellung für das Lentos Kunstmuseum vorbereiten, recherchiere ich gleichzeitig für ein anderes Projekt über Kokoschka. Die Geschichte der Londoner Plakate ist mir neu. Unbeabsichtigt und unerwartet blenden sich die beiden Künstler-Leben für einen kurzen, berührenden Moment ineinander. Mit beträchtlichem Einsatz an Gestaltungskraft, Kommunikationsfähigkeit, organisatorischer Erfahrung, Umsetzungsenergie und finanziellen Mitteln widmen sich beide Künstler aus gegebenem Anlass einem Appell: Zur Erinnerung!
...